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Der Baader-Peng-Meinhof-Komplex, paff!

Soeben habe ich die Verfilmung von Stefan Austs Buch “Der Baader-Meinhof-Komplex” gesehen.

Vorab: eine Kritik zu schreiben ist schwierig für mich, denn das gesamte Thema scheint nach wie vor aufgeladen zu sein, und zwar ideologisch wie emotional. Und Aust an sich ist ja anscheinend auch nicht unumstritten. Sein Buch ist aber ein Standardwerk, da scheint man sich einig zu sein. Aber ich bin kein intimer Kenner der ganzen Materie, kann mich nicht auf Detailkenntnisse stützen, die mir eine Bewertung der Darstellungen erlauben. Leider muss man die Entscheidung vorher treffen und kann sie nicht verschieben: entweder ich gehe in den Film oder nicht. Man sollte aber nicht reingehen und keinen actionreichen Spielfilm erwarten. Das war doppelte Verneinung, also nochmal: das Ding ist ein reinrassiger Spielfilm mit viel Action. Es handelt sich nicht um eine Dokumentation. Dem Zuschauer wird keine Wahl gelassen, er wird von dem Film gefangen genommen, er kann sich unter Umständen nicht genug distanzieren. Wenn er nicht darauf gefasst ist, könnte der Film eine ärgerliche Enttäuschung werden.

Man kann nicht von einer Bernd-Eichinger-Produktion erwarten, einen Film zu sehen, der sowohl Historiker wie auch das durchschnittliche Kinopublikum zufrieden stellt. So besteht ein Großteil des Films aus Ballerszenen: Kugeln, die in Köpfe schießen (nicht so wie in Matrix, aber teilweise dennoch sehr explizit), Explosionen, die Wände zerreißen, Maschinengewehrsalven und quietschende Reifen. Zwischendurch eine ganz klitzekleine Prise Sex (sells!) und O-Töne sowie -Bilder. Zwischen den Kommandoaktionen prasseln Ansagen aus der Tagesschau, aus dem Radio und sonstwo wie eine Kollage auf einen ein, man fühlt sich wie in einer Gehirnwäsche. Gut ist die Darstellung von Horst Herold, dem damaligen Präsidenten des Bundeskriminalamts, der gegen eine “starre Haltung” gegenüber den Terroristen gewesen ist.

Was ich gut fand: zum Beispiel Moritz Bleibtreu und vor allem Martina Gedeck. Vor Moritz Bleibtreu hatte ich ja Angst, warum macht der nach Lammbock noch mehr Filme, das kann der doch gar nicht. Free Rainer war einfach nur der Gipfel. So ein Scheißfilm. Aber dann spielt der den Baader richtig gut. So stellt man sich diesen fiesen Proll vor. Ansonsten findet man mit Leuten wie Bruno Ganz, Jan-Josef Liefers, Heino Ferch, Nadja Uhl und so weiter (auch Anna Thalbach war kurz zu sehen) einen Großteil der Crème de la crème des Deutschen Films vor.

Außerdem fand ich gut, dass der Film vor der Gründung der RAF ansetzt: der Besuch des Schahs, Ermordung Ohnesorgs, Attentat auf Dutschke. Und, klar, Vietnam. Man bekommt richtig Wut. Alles sehr plakativ, alles mit sehr nerviger Filmmusik à la Harry Potter untermalt. Aber abgesehen von der Musik das war für mich das Faszinierendste am Film: man kann doch die Wut nachvollziehen und den Protest gegen den von Altnazis durchsetzten Staat. Ich ertappe mich sogar dabei, wie ich den Sturm auf den Springer-Verlag gut finde, oh Wunder, und den Wunsch zum “Kampf gegen das imperialistische System” auf irgendeine krude Art nachvollziehen kann. Der Kaufhausbrand: irgendwie originell. Scheißkapitalismus, Konsum macht die Menschen gefügig, also druff mit die Bombe. Aber wie sich dann die ganze Sache an Katalysatoren wie Andreas Baader so entzünden konnte. Wie über-, allmächtig sich diese Leute gefühlt haben. Und wie rücksichtslos man den abstrakten Kampf einfach konkretisiert und einfach Menschen erschossen hat. Es ging nicht um Personen, sondern die Funktion derselben. Wahnsinn. Furchtbar. Ganze Magazine in teilweise unbeteiligte Menschen entleert hat, wenn der Film da korrekt ist. Dass in der Zeit so viele Leute Sympathisanten waren, dass klammheimlich so viele Leute den Kampf “eigentlich” unterstützt haben: man kann es mit Hilfe des Films anfangs ein bisschen verstehen. Der Film kriegt dann aber die Kurve, ich finde die Gratwanderung ist gut gelungen.

Die extreme Darstellung der Gewalt kann man sicher irgendwie erklären und gut finden. Man sieht eben nicht nur die Tatorte, die aus Dokumentationen und historischen Aufnahmen bekannt sind, sondern man sieht die Menschen schießen, ihre Opfer sterben. Wer’s mag.

Wer’s nicht mag, soll lieber Blackbox BRD schauen, oder Ein Deutscher Terrorist oder Der Krieg der Bürgerkinder und Der Herbst des Terrors. Die habe ich als einzige auch schon gesehen, es gibt ja aber noch viel mehr Filme darüber.

Jakowe Uncategorized

  1. 25. September 2008, 23:46 | #1

    Oh, danke sehr, schöne Kritik. Ich wollte mir den Film auch anschauen, aber ebenfalls mit der Erwartung “Spielfilm” und nicht “Dokumentation”. Werde ich jetzt erst recht tun.
    Leider weiß ich eigentlich gar nichts über die Zeit, meine komplette und äußerst lückenhafte Bildung stammt aus irgendwelchen Doku-Schnipseln vom ZDF. Oder “München” von Stefan Spielberg, obwohl der ja auch mehr über den Mossad geht wenn ich mich recht erinnere.
    Vielleicht guck ich mal den Film, und versuche danach das Buch zu lesen um zu gucken wie es wirklich war (Aust zufolge).

  2. 30. September 2008, 10:33 | #2

    Der Film soll sehr nah am Buch sein, habe ich aber auch nicht gelesen. Der Film ergänzt die ganzen (wahrscheinlich größtenteils guten) Dokus um eine weitgehend realitätsnahe Darstellung der Anschläge und der Situation innerhalb der Gruppe, außerdem wird man angespornt, sich mit dem Fortgang der Geschichte der RAF in Form der “zweiten und dritten Generation” zu beschäftigen.

    Aber ich warte noch auf Darstellungen von Guido Knopp: Abendessen bei Ensslins oder Meinhofs Katzen, auch sehr schön: Baaders Autos!

  3. 9. Oktober 2008, 19:49 | #3

    Auj jeden Falll ein guter Anlass sein Bundesverdiesnstkreuz zurück zugeben.
    War ja eh nur geborgt und nun hat man endlich wieder Platz an der Brusttasche für seine Lieblingsbrosche (Chauvinistenschlipse).
    Nee im Ernst fand den Film wirklich gut, sehr dokumentarisch mit den typischen Eichinger-Sex-sells-Effekten, ein bisserl Gefühl halt. Der einzige Mann der es versteht etwas Mystik ins deutsche Kino zu bringen, bla, bla.
    Besonders gut efalen haben mir Frau Gedeck und Bruno Ganz. Moritz Bleibtreu war mir etwas zu sehr “Willst du einen Banane”-prollig.
    Übrigends: herausragender Artikel von dir, Jakob!!!

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