Das Ende des freien Marktes
Das marktliberale Modell der Amerikaner, beispielhaft repräsentiert durch das Finanzsystem und theoretisch ja auch durchaus plausibel, ist genau wie die genauso plausible Planwirtschaft am Egoismus des Menschen gescheitert. Nicht auszudenken, wie diese Krise vor dem Hintergrund vollständig freier Märkte ausgesehen hätte! Die unkontrollierten Kräfte des Marktes haben sich selbst besiegt; die Gier nach Rendite und immer höheren Gewinnen ließ sogar Händler, Broker und Banker mit bestbenoteten Abschlüssen von Elitehochschulen jegliche Vernunft in den Wind schießen. Ganz zu schweigen vom Durchschnittsamerikaner oder -isländer, der sich ein Leben auf Pump geleistet hat, um den von den Reichen vorgelebten, durch Werbung und American-Dream-Geplapper als erstrebenswert propagierten Lebenstil mehr schlecht als recht zu imitieren, und plötzlich seine Kredite nicht mehr zurückzahlen konnte.
Freier Markt reguliert sich selbst, und von den resultierenden Gewinnen der Reichen sickert dann auch was bis zu den Armen durch - diese Haltung kann man nicht mehr ernsthaft vertreten, und wie sieht dieses Durchsickern überhaupt aus? In einem System, das sich frei nennt, ist zwar jeder frei in der Gestaltung seines wirtschaftlichen Erfolgs - allerdings nur, solange er sich an die Regeln des Systems hält. Die erste und wichtigste dieser Regeln ist die des Dschungels: Der Stärkere gewinnt, je mehr ich um mich haue, je mehr ich den Konkurrenten aussteche, bloßstelle, vernichte, desto größer sind meine Chancen auf ein Stück vom Gewinn, denn an der Spitze ist kein Platz für alle. Sobald ich dieser Logik nicht folgen will oder kann, zum Beispiel weil ich ungebildet, behindert, zu nett oder zu alt bin, wird diese “Freiheit” zu einem System der Ausgrenzung, undemokratisch, asozial und unetisch.
Von allein wird von der Spitze zu den Verlieren des Rennens kein Gewinn durchsickern, denn, so das Totschlagargument, “jeder hat doch die gleichen Chancen (und ich bin einfach rücksichtsloser gewesen als du)”. Das ist offensichtlich falsch oder zumindest unvollständig, denn weder hat jeder die gleichen Chancen, noch finden die Konsequenzen für die Erwähnung, die auf der Strecke geblieben sind. Diejenigen, die sich noch gute Chancen ausrechnen, trimmen ihre Lebensläufe auf Bewerbungstauglichkeit, studieren ein Fach das sie nicht interessiert, und stecken ihre Kinder später in den Hayek-Managerkindergarten, in dem im kleinen Börsenkaufladen die Genussscheine für den Mittagessen-Wackelpudding vertickt werden. Ein große Teil sieht aber von Anfang an alt aus: Arbeitet deine Mutter an der Discounterkasse, kannst du wahrscheinlich entweder das Gleiche, Frisörin oder arbeitslos werden - Pech. Weder das eine noch das andere erscheint mir erstrebenswert.
Ich kann mich nicht zurückhalten: HAHAHA! Äußerst schadenfroh lache ich über die amerikanische Politik und den vermeintlichen Profiteuren in Gestalt der Banken, Rankingagenturen und ihrer Spießgesellen, die nun die Rechnung für ihre Geschäfte im annähernd rechtsfreien Raum kassieren, ich lache über Hypo Real Estate, Lehmann, Fannie Mae, Freddie Mac und alle Experten, die in den letzten Jahren für einen Rückzug des Staates aus der Wirtschaft plädiert haben. Jetzt wird plötzlich der Ruf nach mehr Politik laut, kleinlaut kehren die einst nach Deregulierung schreienden Institute in den Schoß ihres Staates zurück.
Eine schöne Balance zwischen Freiheit und staatlicher Regulierung, ein Wirtschaftsrahmen, der alle Seiten (Kultur, Sozialaspekte, Wirtschaft, Bildung, Politik, Demokratie) annähernd zufrieden stellt - ob den jemals ein Land finden wird? Jedenfalls sind sowohl Planwirtschaft und (relativ) freie Marktwirtschaft eindrucksvoll gescheitert; der vielgelobte deutsche Mittelweg erscheint mir als vielversprechendste Variante übrig.
Zeit: Die Zukunft des Neoliberalismus
Wikipedia: Neoliberalismus
Spiegel.de: Chancengleichheit beim Studieren
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Das Schlimme ist, dass die Leute, die durch ihre Spielgeld-Geschäfte Millionen und Milliarden beiseite geschafft und der Welt sozusagen den Schlamassel eingebrockt haben, die Suppe nicht auslöffeln müssen. Das müssen dann andere tun, denn ein Motto der sogenannten Turbokapitalisten lautet “nach mir die Sintflut”. Der vielzitierte einfache Arbeiter, der kleine Mann, der Steuerzahler (die Bonzen zahlen ja eh nichts ein!), die leiden letztlich am meisten, und - wie Niko schrieb - das ist der Skandal.
Dass der Salto Mortale, den der Finanzmarkt anscheinend gerade vollführt, auch auf die “Realwirtschaft” durchschlägt und damit auch die Mama an der Discounterkasse mehr oder weniger trifft, steht doch, wenn ich nicht völlig fehlinformiert bin, fest? Hoffentlich besinnen sich die Politiker, die momentan einen ungeahnten Machtzugewinn nach einer zähen Phase erfahren, in der man ihnen gemeinhin die Fähigkeit absprach, Einfluss auf die Wirtschaft zu nehmen, und verfolgen einen guten Mittelweg.
Sehr schöner Artikel übrigens!
interessanter Artikel! auch wenn ich nicht in allen Punkten zustimme: Auch “Superreiche” werden unter den Folgen der Finanzkrise leiden. In erster Linie hat es sich bei den Zusammenbrüchen der Subprime-Märkte ja um Kursberichtigungen gehandelt. Insofern geht da niemand mit Gewinn aus der Sache raus. Auch wenn, unbestritten, durch erhöhte Kreditkosten der einzelne unter dem Zusammenbruch stärker leiden wird, als ein Bankier, der weich (z.B. in diverse Eigenheime) fällt. Daher handelt es sich ganz klassisch um externe Effekte, die von den Verantwortlichen internalisiert werden sollten. nur wie? Mänäger-Haftung? Eine Idee, oder? Dann aber auch D&O-Versicherungen verbieten. Kein Mitleid habe ich jedenfalls mit Privatpersonen, die genauso gierig wie Bänker ihre 8, 9% Rendite einstreichen wollten, und sich dann bei Anne Will beschweren daß das Geld weg ist, mit dem sie die Ausbildung der Kinder finanzieren wollten. Selbst schuld. Soviel Eigenverantwortung muss sein. (Klar, wenn der Sparkassenfuzzi die Omma übern Tisch zieht, und sie in Lehmann-Papiere investieren lässt, sieht’s wieder ganz anders aus.
Interessanter finde ich einen einzelnen kulturphilosphischen Aspekt: Asset-Backed-Securities (die Wertpapiere aus Rammschimmobilienkrediten) galten als bombensicher, weil durch Tranchierung und Wasserfall-Prinzip so strukturiert, dass es “auf dem Papier” nie zu dem hätte kommen können, was jetzt passiert ist. Problematisch ist nur, dass niemand das Risiko dieser Wertpapiere tatsächlich mehr einschätzen konnte. In der SZ stand neulich mal ein Artikel in dem erwähnt wurde, dass die Papiere von Mathematikern und Physikern strukturiert wurden, und das die Betriebs- und Volkswirte in den dafür zuständigen Abteilungen der AGen gar nicht mehr gesehen wurden. Und Rating-Agenturen haben gar nicht die Kapazität, das alles nachzuvollziehen. Wenn das mal nicht nach dem Zauberlehrling schreit… Oder nach Dialektik der Aufklärung. Blinder, “naturwissenschaftlicher” Fortschrittsglaube. Letztlich wusste niemand mehr, wer eigentlich welches Risiko trägt. Naja, neben der Teilaspektbetrachtung ist es vielleicht ja mal an der Zeit, die Dinge wieder stärker in ihrer Totalität zu erkennen, als einzelne Lösungsvorschläge zu Teilaspekten zu erarbeiten —> http://de.wikipedia.org/wiki/Positivismusstreit Mehr Jobs für Soziologen!
Ich meinte damit auch gar nicht unbedingt die momentane Finanzkrise, sondern den freien Markt an sich. Dort geht die oft bemühte Schere zwischen arm und reich inflationär auseinander (in D), bzw. ist schon auseinandergangen (in USA), und zwar entgegen aller liberalen Wirtschaftstheorie, die eigentlich ein Anwachsen des Wohlstands für alle Menschen einer Gesellschaft vorhersagt.
Außerdem ist der Artikel bei nochmaligem durchlesen manchmal konfus und behandelt mehrere Themen gleichzeitig. Wahrscheinlich sollte ich ein Buch darüber schreiben, mit gaaaaaanz vielen Kapiteln und vorherigem Konzept.
Moment mal, “Blinder, ‘naturwissenschaftlicher’ Fortschrittsglaube”? Mathematiker sind aber gar keine Naturwissenschaftler, sondern Geisteswissenschaftler. Und Physiker sind ja eigentlich auch Mathematiker mit praktischer Orientierung! Nicht dass es am Ende noch heißt, der Chemiker hätte was damit zu tun, da wäre ich traurig.
und wirtschaftwissenschaften gehören auch zu den Geisteswissenschaften. Und ähnlich schwammig wie z.B. SoWi sind ja auch die Prognosen an den Börsen
Ja, das stimmt.
Was man übrigens den Kleinanlegern vorwerfen kann, die Geld mit Lehman-Zertifikaten verloren haben, ist ihre Leichtgläubigkeit in Verbindung mit Ahnungslosigkeit. Aber warum soll man ihnen vorwerfen, nach hohen Zinsen zu schielen. Schließlich hatten sie ja lange den Eindruck, sie könnten ihren Finanzberatern vertrauen. Die ja in vielen Fällen einen möglichen Totalverlust sogar ausdrücklich ausgeschlossen haben sollen. Letztlich haben sie auch die Ommas und Onkels beschissen, die Geld für Enkel und Nichten und Neffen verloren haben, nicht zuletzt weil sie die dicken Provisionen verschwiegen haben, die sie von Lehman für die Zertifikate bekamen.
Was das gesamte Konzept des Wirtschaftliberalismus nicht aus seiner Fragwürdigkeit entlassen soll!
the great spirits proclaim that
capitalism is indeed organized crime
and we are all the victims.
Zeit schreibt auch noch was, und attac hat selbstverständlich auch was zu melden:
Ok, jetzt ist ein halbes Jahr später, der obige Artikel ist überholt, (sinnvoll), ausgewertet, (gut), wegdiskutiert, ignoriert, wahr, falsch, bla. Die FDP hat ihn jedenfalls nicht gelesen, so jedenfalls ist meine und auch, anders formuliert, Wolfgang Liebs Meinung, wenn sie auch manchen Lesern in Teilen unreflekiert erscheinen mag (jene Kritik ist gerne hier zu veröffentlichen, oder dort).