Erfolgreich ohne Geld und ohne Sinn - Twitter
Der erfolgreiche Microblogging-Dienst Twitter wird seit mittlerweile etwa zwei Jahren regelmäßig zum nächsten großen Trend/Hype im Internet deklariert. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten hat Twitter mittlerweile auch ziemlich viele Nutzer, und sogar Politiker und Parteien (ein sicheres Indiz dafür, dass der Hype jetzt vorbei ist) nutzen den Dienst für den Wahlkampf und zur Verbreitung weiterer Nichtigkeiten. Jedenfalls sorgt Twitter vor allem in der Netzgemeinde für orgastische Lobeshymnen, die verschiedene Vorteile des Services besonders herausstellen, z.B.:
- Twitter eignet sich als Recherchetool und Nachrichtenticker in Quasi-Echtzeit
- Interaktion und Kommunikation mit Bekannten und Kollegen
- Es ist ein tolles Marketingtool
- Mit Twitter kann man sich prima die Zeit vertreiben
Zu meinem großen Leidwesen habe ich Twitter von Anfang an nicht verstanden. Seit mittlerweile Jahren lese ich in sämtlichen IT-, Medien-, Webkultur-, etc-Blogs entweder begeisterte Artikel über die ersten Erfahrungen mit Twitter (”…dann hat es mich auf einmal gepackt!”), oder optimistische bis enthusiastische bis größenwahnsinnige über den zukünftigen Erfolg (”…das nächste große Ding!” / “…eine Revolution!” / “…so wichtig wie die Erfindung des Autos!”).
Aber seit ich Twitter kennengelernt habe, seit einige meiner damaligen Kommilitonen den Dienst vor etwas mehr als zwei Jahren das erste Mal gefüttert haben, und seit die ersten Blogs vom Hype zu reden begannen - seit dieser Zeit kann ich nichts mit Twitter anfangen. Nichts ist zum Beispiel:
- Ich finde es nicht wichtig, dass ich einen Echtzeit-Ticker habe, weil ich die anderen Ticker (die natürlich, zugegeben, ca. 4 Minuten langsamer berichten) besser finde, umfangreicher und vor allem objektiver
- Ich finde es auch nicht praktisch, über Twitter mit meinen Freunden und Bekannten zu kommunizieren, da sich niemand dort (mehr) für Twitter interessiert
- Ich finde die Nachrichten, die die Leute dort schreiben, zu 99% inhaltsleer, uninteressant, unwichtig (”Hole jetzt einen Kaffee.” etc.)
- Niemand den ich kenne benutzt mehr Twitter bis auf einen
- Ich fände Twitter wahrscheinlich kurzfristig ok zum Zeitvertreib, so zwei Wochen oder so, aber mir fallen ca. 100 Sachen ein die mindestens genau so gut oder besser sind; darunter z.B. Aquarelle malen
- Insgesamt fehlt mir das Alleinstellungsmerkmal (für den Marketing-Fuzzi: die USP), wegen dem ich die Seite immer wieder besuchen sollte
Abgesehen von diesen sehr subjektiven Minuspunkten ist Twitter allerdings bestimmt gut für Leute, die sich innerhalb ihrer Branche bewegen und da “networken” möchten. Allerdings glaube ich auch, dass die sich die dort tummelnden Branchen ziemlich eng eingrenzbar sind (Mitarbeiter in Webagenturen und Brüder im Geiste). Die ganze Chose ist somit nur für eine recht kleine Zielgruppe längerfristig interessant, im Gegensatz beispielsweise zum Auto.
Allerdings gibt es noch ein weiteres Manko, das sich nicht so leichtfertig als meine subjektive Ahnungslosigkeit abhandeln lässt. Und zwar hat es Twitter bis heute nicht geschafft, eine sinnvolles Erlösmodell zu finden, um die anfallenden Kosten zu decken. Momentan noch am Tropf von Venture Capital, muss Twitter eine Monetarisierungslösung finden; sei es durch irgendwelche Premium-Services oder irgendwelche Werbung. Manche behaupten auch, dass Twitter zur “Infrastruktur” wird, allerdings bezweifle ich dass jemand für die Nutzung dieser Infrastruktur Geld ausgeben würde; Substitutionen sind vielfältig. So sinnvoll der Dienst für viele auch sein mag, so viele Nutzer täglich twittern und “followen” - pleite ist man dann ohne Geld trotzdem irgendwann, und in Schönheit sterben ist trotzdem tot.
Deshalb Gratis-Tipp an dieser Stelle: Wenn ich Twitter-Besitzer wäre, würde ich jetzt ganz schnell das nächste Angebot eines Branchenriesen annehmen, der das Teil als strategische Portfolioerweiterung aufkaufen will und die paar Mille eh aus der Portokasse löhnt, und mich dann mit meinen frisch verdienten Kohlen auf die faule Haut legen. Aber mich fragt ja keiner, wahrscheinlich weil ich nicht bei Twitter bin oder so.
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Irre, noch nie dagewesen: Netzwertig schreibt mal was kritisches über Twitter!
Ai, und schwupps ist auch schon der erste Kaufinteressent da. Wer hätte das gedacht: Es ist unser Freund aus Mountain View.
“Some Twitter insiders want the deal, but our sources say CEO Evan Williams wouldn’t sell even for $1 billion.”
So viel Dummheit, das fasse ich einfach nicht… 250 Mio. für diesen Schund, das ist so viel mehr Geld als sie es verdient haben und dann stellt der sich noch stur. Wahnsinn!