Was die Studentenproteste mit der demographischen Entwicklung zu tun haben.
Momentan protestieren in vielen Städten in Deutschland und Österreich zehntausende von Studierenden und Schülern gegen Studiengebühren, die verkürzte Oberstufe, überfüllte Klassen und Hörsäle, den schlechten Zugang zu einem Masterstudium und verschulte, verkürzte Bachelorstudiengänge. Die Forderungen werden allseits beachtet, und sowohl von der Politik wie auch von den Hochschulleitungen und den Professoren erhalten die Demonstranten Rückendeckung; erste Maßnahmen sind zum Beispiel eine BAföG-Erhöhung ab 2011. Tatsächlich fragt man sich da, wer denn jetzt genau für die derzeitige Lage verantwortlich ist, beziehungsweise wer sich verantwortlich für die Verbesserung der Lage machen wird. Denn mit einer Bafög-Erhöhung wird es nicht getan sein, sind die Missstände doch viel tiefgreifender und sehr viel teurer als dieser eine Tropfen auf dem heißen Stein.
Vor einigen Tagen veröffentlichte das statistische Bundesamt eine Prognose betreffs der Bevölkerungsentwicklung in Deutschland. Demnach werden im Jahr 2060 ein Drittel aller Einwohner Deutschlands mindestens 65 Jahre alt sein, jeder Siebente wird sogar 80 Jahre oder älter sein. Das bedeutet auch: Diese Rente wird von einer kleiner werdenden Zahl an Arbeitnehmern aufzubringen sein; genauer werden 100 Beschäftigte ungefähr 67 Rentner finanzieren, im Gegensatz zu 34 heute. Neben der Belastung für Krankenkassen, deren Beiträge auch noch kräftig erhöht werden müssen, stellt sich die Frage: Wie und wo soll den seit ca. 9 Jahren quasi stagnierenden privaten Einkommen dieser dicker werdende Abgabenbatzen noch abgezogen werden? Dazu kommt auch noch eine steigende Zahl niedrig oder “prekär” Beschäftigter, die kaum oder gar keine Sozialabgaben zahlen.
Die Lösung kann deshalb nur heißen: Die ca. 30 % weniger Beschäftigten im Jahr 2060 müssen viel, sehr viel mehr verdienen als heute. Und das geht definitionsgemäß durch das Mehr an Vergütung, das einem Beschäftigten für eine wertvollere, ergo durch eine bessere Ausbildung erbrachte Arbeit gezahlt wird. Nur durch eine gute Bildung auf breiter Front, die bereits weit vor der Universität beginnt, kann die wertvollere Arbeitsleistung auf breiter Front umgesetzt werden.
Die Bildungsdebatte ist deshalb nicht nur eine Diskussion um 20 Euro Bafög hier und den achtsemestrigen Bachelor da, um Lösungen für aktuelle Probleme. Sondern die Regierungen der nächsten Jahrzehnte müssen ab heute mit Förderung und Reform der Bildung das soziale Gebilde in 50 Jahren vor dem Kollaps retten.







Einen Haken hat das mit der besseren Bildung für alle aber: dass mehr gut ausgebildete Leute auf den Arbeitsmarkt kommen bedeutet schließlich noch nicht, dass dieses Mehr an wertvoller Arbeitsleistung auch erforderlich und/oder gewünscht sein wird. So schlimm wird es zwar nicht kommen, dass in Zukunft gut ausgebildete Leute zu Millionen auf der Straße stehen werden (schon allein weil es sich volkswirtschaftlich verbietet).
Ich habe aber leider den Eindruck, dass unsere neue Regierung in bester Tradition alles tut, um gute Bildung und Ausbildung für alle zu verhindern. Es fängt an beim Betreuungsgeld, das für sehr viele Kinder bedeuten wird, dass sie nicht in den Kindergarten gehen werden, und reicht bis zu den Studiengebühren. Das geplante Stipendiensystem von Schwarz-Gelb wird zu einer weiteren Privatisierung der Studienfinanzierung führen, die abhängig von industriellen Interessen sein wird und die soziale Ungleichheit verschärft, anstatt sie aufzuheben.
Naja, ich prophezeie einfach mal ins Blaue dass die Industrienation Deutschland sich auf Dauer eher zur Wissensgesellschaft entwickelt, ergo auch mehr “Wissensarbeiter” respektive gut ausgebildete Leute benötigt. Außerdem ist “Bildung” ja auch oder besonders bezogen auf die Schulen, an denen auch nicht zu knapp gespart wird, und nicht ausschließlich auf Unis bezogen.
Das ist ja die ganze traurige Ambivalenz: Man kann nicht gleichzeitig Wachstum, Wohlstand, Wettbewerbsfähigkeit im internationalen Vergleich und die ganzen anderen Plastikwörter in den Mund nehmen und gleichzeitig Bildungsausgaben streichen, Studiengebühren erheben, Studiengänge bügeln usw.
Bildung wird gar nicht als zwingend notwendige Voraussetzung wahrgenommen, die später u.a. zu höherem Standard führt, sondern als teure Luxusveranstaltung.
“Auch sozial Schwache können zur Rettung des Bankwesens beitragen, indem sie jeden zweiten Tag die Heizung kalt lassen.”